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Ausstellung: „Leben in Farbe“

Vernissage 29. 10. 08

 

Sehr geehrte Damen und Herren! Guten Abend.

Als Besucher der heutigen Ausstellung Erika Seywald nehmen wir ganz offensichtlich teil an einer Interaktion. Wir stehen zwischen den Selbstdarstellungen der Malerin und ihren Bildwelten vis-a-vis. Wir sind Betrachter und mögliche Sujets zugleich, Reflexionskörper und Filter in beide Richtungen. Wir beobachten beim Malen und - im Idealfall - sehen und erleben wir das Gesehene auf der anderen Seite des Raumes in ihren impulsiven  Bildern. Eine einfache Konstellation mit Tendenz zur Raumerweiterung.

Es lässt sich möglicherweise so etwas wie die ideale Distanz zu jedem  Werk finden.

Sie ergibt sich aus der Relation zwischen Enthusiasmus und Skepsis, die wir gefordert sind, aufzubringen, wenn wir den ausgestellten Arbeiten gerecht werden wollen.

Vielleicht hilft uns gerade die besondere Art der Präsentation hier, den individuell  optimalen Abstand zu den Bildern zu finden.

 

Die neue Serie „Leben in Farbe“

Die neue, hier erstmals gezeigte Serie thematisiert das Malen, den Status als Malerin in seinen repräsentativen, den reflexiv-kontemplativen und den aktiven Aspekten.

Es sind, so könnte man sagen, gemalte großformatige Zeichnungen. Nur vordergründig monochrom, bei näherer Betrachtung im Detail schillernd. Auf Konturen und Flächen zeigen sich scheinbar Farbreflexe der Malerei von der Wand gegenüber.

In einem Schritt der Selbstreflexion ist die Palette reduziert, Arbeits- und Kontemplationsphasen sind dargestellt. Die Lebensgröße der Skizzen schafft zwar einen gewissen Realitätsbezug, mit der Vergrößerung beginnt jedoch die Farbe, sich wieder  aus den Formen zu lösen.

 

In den großformatigen ‚Welt-Bildern’ sind die Spuren solcher Malvorgänge aufgesogen. Im Malen, auf der Bildfläche, verbinden sich konzeptive Gedanken, Leinwand und Pigmente in der Aktion zu einer mehrschichtigen Aussage - mit bewussten und unbewussten Elementen.

Gegen das Glatte, die photorealistischen Oberflächen, die perfekten Abbilder, setzt Erika  Seywald  den Versuch, Bilder einer porösen, vielschichtigen Innenwelt zu entfalten. Es gelingt ihr durch die besondere haptische Qualität ihrer Bildoberflächen in Verbindung mit deren expressiver Farbigkeit.

Frappierend dabei ist, es gibt Innen keine Leerstellen, keine blinden Flecken. Höchstens Unlesbares, momentan vielleicht Unerklärbares. Alles jedoch ist farbig, hat Farbe, ist präsent, aktiv, auch wenn es sich gerade nicht im Focus befindet. Ein im buchstäblichen Sinn gutes Bild für den lückenlosen inneren Gefühlsteppich, der vielleicht  Wiederholungen kennt (Muster, Rapporte), auch neue Verknüpfungen über Assoziationen und Zufallsbegebenheiten - aber eben keine Leerstellen.

 

 

Ausgehend von der Mal-Tradition der organischen Abstraktion[1] als solider Basis unternimmt Erika Seywald Streifzüge ins Figürliche, ins Narrative und mitunter ins Lyrisch-Kontemplative.

 

Spektakulär sind in den Bildern Erika Seywalds nicht so sehr die Erzähl-Motive.  Es finden sich Gesichter aller Art, Begegnungen, Schlafende, Engel, Landschaften, Tiere.  Spektakulär ist vielmehr die Umsetzung dieser Stoffe in Farbe und Oberflächenstruktur als Farbmassive, in Farbkontrasten, mitunter eklatanten Hell-Dunkel-Gegensätzen.

Lebendigkeit drückt sich aus auf einer Skala von sanften Farbströmen bis zu hektisch-rastlosen kleinteiligen Farbschnitten oder großflächigen Farberuptionen.

 

Immer ist in den Bildern sowohl Aktivität als auch Reaktives erkennbar. Formen und Verformen erscheinen als permanente Metamorphose. Jedes Bildelement besitzt aktive und passive Eigenschaften. Vielleicht eine Symbolik für den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Kontext/Umfeld und dafür, wie jeder von uns Akteur sein und zugleich beeinflusst/betroffen sein kann. Kompositionsprinzipien werden sichtbar überlagert von Zufallsgerinnungen.

 

Charakteristisch für die Figuren, wie sie in den Bildern Erika Seywalds vorkommen, ist es, dass sie nicht individuell porträtiert oder gesellschaftlich eingeordnet sind. Nicht Aussehen oder Ansehen, geboten werden stattdessen Einblicke in Gefühlslagen, Extroversionen innerer Ereignisse, Verbildlichung empfundener Zusammenhänge. Das Innere wird aufgefächert, aufgeblättert. Illustrierend dazu erscheinen Schatten, Geister,  schützende Hüllen, Landschaftsformationen. Wir sind Zeugen permanenter De- und Refiguration.[2]

Im Verlass auf die Originalität des gemalten Bildes  wird subjektiver Ausdruck auf mehreren Ebenen möglich.

Jedes Bild wird so zu einem Testfeld, inwieweit sich subjektives Empfinden kommunizieren  lässt, welche Resonanzen es hervorruft. Was, wie viel kann Farbe absorbieren, transportieren, reflektieren?

 

Im Grunde ist es so einfach, wie es wirkungsvoll ist: Wir stehen vor einem Bild und schauen. Ich vermute, wir sehen - zuerst - die Bildfläche wie ein Fenster, in dem sich unsere Interessen  spiegeln können, das aber dann den Blick freigibt in einen wie immer konzipierten Bildraum.

Künstler wie Betrachter treffen sich und kommunizieren heute aus ihrer jeweils eigenen Subjektivität heraus. Inter-Aktives Sehen empfiehlt sich immer, es lohnt sich jedenfalls bei den Bildern von Erika Seywald, das Ergebnis der Auseinandersetzung ist offen.

 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Dr. Blanka Schmidt-Felber

 

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[2] Sebastian Egenhofer, Figuren der Defiguration, Vier Thesen zur Abstraktion, in: Texte zur Kunst, Heft 69, März 2008, S.61 - 71

[1] Donald Kuspit. Das abstrakte Ich-Objekt. in: Rosemarie Schwarzwälder (Hrsq.) Abstrakte Malerei aus Amerika und Europa, Wien 1988, S.23 - 39