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Erika Seywald

1955 geboren in Berg im Drautal, Kärnten

1974-79 Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Prof. Hessing

1979-81 Aufenthalt in der Türkei

seit 1993 Mitglied des Künstlerhauses Wien

1996/97 Softlab-Kulturpartnerschaft

1996 Liesl-Bareuther Preis

1998 Theodor-Körner Preis

Einzelausstellungen:  

  • 2008 LEBEN IN FARBE, kleine galerie, Wien  
  • 2008 MALEREI UND GRAFIK, Scriptura, Wien   
  • 2007 GÄRTEN DER ERINNERUNG, Amadeus Contemporary, Wien
  • 2006 GEMÄLDE UND ARBEITEN AUF PAPIER, Galerie Königsblau, Stuttgart   FLOWERS OF PEOPLE, TPA Horwath, Wien    
  • 2005 FARBE IN MIR, der Kunstraum, Wien (Katalog)    
  • 2002 SALZ DER SOLE SCHWARZE GLUT, Art and Design, Wien                ERSCHROCKEN IM WIND, DIE SEGEL GELÖSCHT, IN STILLER SEHNSUCHT VERHANGEN, BAWAG, Wien
    NEUE ARBEITEN, C4 Holding AG, Wien
  • 2000 HERBE ZEITEN BLAUER MOND, Galerie Plank, Wien            
    MALEREI UND GRAFIK, ÖSB, Wien    
  • 1999 AUSNEHMEN UNTERSAGT, Zürich Kosmos, Wien    
  • 1998 SOFTLAB-KULTURPARTNERSCHAFT, Softlab, Wien  (Kalender)    
    FÜR-, MIT-, GEGENEINANDER, Rechtsanwalt Dr. Fritsch, Wien    
  • 1996 IM ABTEIL DER UNWIRKLICHEN ERSCHEINUNGEN, Rathaus, St. Veit an der Glan             
    AMBIVALENZ DER GANZHEIT, Kulturzentrum bei den Minoriten, Graz   ORDNUNG VOR DEM ENDE, Künstlerhaus, Wien    
  • 1995 MEGALOMANIE UND UNZULÄNGLICHKEIT, Ringstrassen Galerien, Wien    

  • 1994 DURCH ZUFALL GEBOREN, KEIN SANFTES LEBEN, KEIN SANFTER TOD,  Künstlerhaus, Wien            
    TAT, WAHN UND WIEDERKEHR, Dokumentationszentrum für Moderne Kunst St.Pölten             
    DISHARMONIE DER PERFEKTION UNBEGREIFBARE VIELFALT, Galerie H-Punkt, Klagenfurt    
  • 1993 DAS LEBEN VORAUSGEAHNT, Laudon Court, Wien
    SAND IN DEN AUGEN FEUER IM MUND, Kloster Und, Krems 1992               SOLARPLEXUS, Wirtschaftspark Götzis, Vorarlberg   
  • 1991 NACHRICHT VOM LEBEN, Galerie Freund, Klagenfurt
    RUHE UND ZITTERN, Casino Velden, Kärnten und Officina, Wien
  • 1990 WESEN-WESENHAFT, Palais Auersperg, Wien
  • 1989 WESEN-WESENHAFT, Städtische Galerie, Lienz (Katalog)



Flowers of people
Blanka Schmidt-Felber zu Erika Seywald  

Das Ich bildet sich – permanent. Weil aber auch schon das Andere, der und die Andere in unserem Selbst beginnen, setzt auch kontextuelles1) soziales Denken bereits im Ich an. Wenn also die Wurzeln des kontextuellen Denkens in diesem unsicheren Boden der Ich-Objekt-Subjektbeziehung liegen, sind Schwierigkeiten, Komplikationen vorhersehbar. Wir kommen nicht umhin, unsere persönliche Wirklichkeit zu konstruieren, manche sagen auch zu errechnen2), und zwar nicht als Terminarbeit mit fertigem Produkt, sondern als (lebenslangem) Dauerauftrag. Zahlreiche Bilder Erika Seywalds scheinen mir wie Vorstellungen zu gerade diesem instabilen imaginären Ort der Ich-Bildung. Die Konstitution des Ich, vorgeführt als farbige Dramen in immer neuen Versionen. Kindliche Paradiese und ozeanisches Gefühl (ein Ausdruck Sigmund Freuds3)), aber auch Unruhe, Kontrast, Differenzen, Farbdispute.  

Als Figuren aus dem Köcher der Malerin begegnen uns dabei Fliegende, Taumelnde, Schwebende, Schwerelose, Engel, Geister, Schatten. Sie treten kaum auf, sie brechen vielleicht auf, manchmal blitzen sie oder sie fahren auf. Sie bilden Symbiosen. Möglicherweise nur vage Erinnerungen. Sie könnten als Begleiterscheinungen gesehen werden. Halb verdeckt, versteckt, gerade wieder entdeckt, verborgen.  

Natürlich müssen uns solche Verbildlichungen als Gemaltes suspekt bleiben. Die Skepsis den Zeichen und Bildern gegenüber, wie sie der Surrealist Breton gepredigt hatte4), sollten wir aufrechterhalten, weil der Weg aus dem Inneren oft mit Klischees verstellt ist. Auch Erika Seywald kennt daher Methoden für „spacing“, zu übersetzen vielleicht mit „Abstand geben, Distanz halten“ (den Begriff „spacing“ verwendet Rosalind Krauss5)), Methoden der Verfremdung, um auf die Bruchlinien in den gezeigten Innenwelten zu verweisen.  

Man mag geneigt sein, die Bilder im schnellen Ansehen primär „bunt“ zu erleben. Bei vertiefender Betrachtung, bei mehrmaligem Sehen erschließen sich Sinndimensionen. Dazu ein Zitat von Judith Butler: „Als Imaginäres ist das Ich als Objekt dem Subjekt weder innerlich noch äußerlich, sondern der auf Dauer instabile Ort, an dem jene verräumlichte Unterscheidung fortwährend vermittelt wird; ...“ Und weiter: „Identifikationen sind deswegen niemals einfach oder endgültig gemacht oder zustande gebracht, sie werden beharrlich konstituiert, angefochten und verhandelt.“6)  


Wir sind dauernd mit Identifikationen und Abgrenzungen beschäftigt und damit, das Ich als „instabilen Ort“ im Environment des Über-Ich und des Unbewussten zu beweisen. Selbstbewusst in den unübersichtlichen Zonen alles „Verworfenen“7). 

Auch wenn es angesichts der hier ausgestellten Werke tautologisch erscheint: Welche Rolle spielt Farbe in den Bildern Erika Seywalds? Theoretiker sagen uns, Farbe existiere in der Natur eigentlich gar nicht, sie werde erst durch unsere Sinnesorgane oder genauer durch das Gehirn als Farbeindruck erzeugt, zu einer Farbempfindung verarbeitet.8)

Gerade deshalb scheint Farbe prädestiniert als Medium des Emotionalen. Bei Erika Seywald steht wohl Buntheit als Bild für die Lebhaftigkeit des Innens. Farbenpracht ist gewissermaßen eingesetzt als Beweis der Aktualität solcher Innenereignisse. Die Farbmaterie entwickelt eine starke Präsenz in der Bildfläche, es entstehen Oberflächen mit Teppichcharakter, mit Farbflor-Struktur. Verdichtungen wechseln mit Transparenzen, sich schlängelnde Barrieren oder Gestrüpp-Strukturen vernetzen/verflechten die Farbregionen. Diese sind gesteigert zu illusionistischen Farbreliefs mit Höhen und Tiefensprüngen. Repräsentiert darin sind Gesichter, Körper, Gewänder, Flowers of People, auch Tiere, fragmentierte Landschaften, Bergspitzen, Steine.  

Bis zu 5000 Farbarten können wir Menschen angeblich unterscheiden. Die Übereinkunft, was wir z. B. als „Rot“ bezeichnen würden, hat eine gewisse Bandbreite. In den Feinheiten, Feinabstufungen allerdings beginnen bereits die Wahrnehmungsdifferenzen. Vollends divergieren die Empfindungen in den assoziierten Gefühlsbereichen. Es kann die Malerei uns daher nicht die Ich-Bild-Arbeit abnehmen. Aber – und das ist nicht wenig – ein Motiv, einen Anstoß dazu bieten…  

Bilder hängen an der Wand. Zahlen liegen hier geradezu in der Luft. Die Bilder schauen uns an. Artifizieren9) die Bilder die Wände, oder machen Zahlen die Bedeutung der Bilder?    

1) Seyla Banhabib, Selbst im Kontext (amerik. Situating the Self), Frankfurt/Main 1995, S. 182 – 191, S. 235 - 242 2) Heinz von Förster, Das Konstruieren einer Wirklichkeit, in: Paul Watzlawick (Hrsg.), Die erfundene Wirklichkeit, München-Zürich 1986, S. 39 – 60, S. 46 3) zitiert bei Rosalind E. Krauss, Photographic Conditions of Surrealism, in: The Originality of the Avant-Garde and Other Modernist Myths, Cambridge und London 1996, S. 95 4) wie Anm. 3, S. 94 5) wie Anm. 3, S. 106/107 6) Judith Butler, Körper von Gewicht, Frankfurt/Main 1997, S. 114/115 7) wie Anm. 6 8) Seilnacht, in: Wikipedia, Stichwort Lichtspektrum – Das Phänomen Farbe 9) Brian O’Doherty, In der weißen Zelle/Inside the White Cube, Berlin 1996, S. 27