Gerda Fassel
Bildhauerei
Die kleine galerie trauert um Gerda Fassel (1941–2025)
Nachruf der Universität für Angewandte Kunst: hier
ÜBER GERDA FASSEL
Gerda Fassel. Starke Frauen von Berthold Ecker
Es ist wohl kein Zufall, dass Gerda Fassel erst nach ihrem Aufenthalt in Florida und New York (1962-65) zur gegenständlichen Kunst gekommen ist. So wie ihre unbeugsame Persönlichkeit mit Unbedingtheit und gegen Widerstände nach der ihr entsprechenden Wahrheit strebte, stellt sich diese Entscheidung gleichermaßen gegen den Strom der kunsthistorischen Tendenzen. Nach Anfängen bei Hans Staudacher und später in New York an der Art Students League bei José de Creeft kehrte sie nach Wien zurück und studierte bei Hans Knesl und Wander Bertoni Bildhauerei.
Schon mit ihrer Diplomarbeit zeigte sie ein gänzlich neues Verständnis des weiblichen Körpers, voller Stärke, in offensiven Positionen und doch auch verwundbar, offen und immer wieder mit aufgerissenen Oberflächen. Fassel entwickelte diese persönliche Bildsprache von 1972 bis zu ihrem Tod weiter und hatte prägenden Einfluss auf die österreichische Skulptur. Ihre Bedeutung als Zeichnerin von hohen Graden wurde bisher noch nicht genügend gewürdigt. Fassel verstand sich selbst nicht explizit als Feministin, doch stellt ihr Oeuvre nicht zuletzt auch einen Akt der Selbstbehauptung und des Selbstbewusstseins einer starken Frau dar.
Als Professorin an der Universität für Angewandte Kunst bildete sie eine Reihe von jüngeren Bildhauer:innen aus, die ihre Idee vom Körper als Ausdruck innerer Zustände aufgriffen und individuellen Ausprägungen zuführten. In dieser Hinsicht stellt ihr Werk ein plastisches Pendant zur Malerei der befreundeten Maria Lassnig dar. Neben Alfred Hrdlicka ist Gerda Fassel die führende Bildhauerin der gegenständlichen Figur in Österreich und beansprucht auch im internationalen Kontext eine prominente Rolle.
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Biografie
Gerda Fassel wurde in eine Arbeiterfamilie geboren. Aus finanziellen Gründen war es ihr nicht möglich, sofort zu maturieren und zu studieren. Sie absolvierte stattdessen eine kaufmännische Lehre und war bis 1962 hauptsächlich kaufmännisch tätig. 1960/1961 besuchte sie die Wiener Kunstschule und versuchte sich bei Hans Staudacher in abstrakter Malerei.
Von 1962 bis 1965 hielt sich Fassel in den USA (Florida und New York) auf. Sie finanzierte sich in dieser Zeit durch die Arbeit in Hotel- und Gastbetrieben und konnte durch diese Einnahmen auch ein Jahr an der Art Students League in New York Bildhauerei bei José De Creeft (1884-1982) studieren.
Während des Experimentierens innerhalb der Non-Figurativen, auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, war sie dem Theoretischen näher als dem Material. Diese Erkundungen gewährten ihr eine tiefere Einsicht in das Phänomen Kunst und überzeugten sie von der Notwendigkeit einer neuerlichen Einführung des „Gegenständlichen“, der menschlichen Figur in die Kunst als die unverzichtbare „Begrenzung“ zur Wahrnehmung formaler Bezüge und Aussagen – ihr Beweggrund, sich einem Studium der menschlichen Figur zu widmen.
Von 1968 bis 1972 studierte sie die Bildhauerei an der Hochschule für angewandte Kunst zuerst bei Hans Knesl (1905-1971) und dann bei Wander Bertoni. 1972 diplomierte sie in Bildhauerei. Fassel war eines der Gründungsmitglieder des Wiener Kunstvereins Figur (1991–1996).
1996 bis 2006 leitete sie – in der Nachfolge Alfred Hrdlickas – die Meisterklasse für Bildhauerei/die Abteilung Bildhauerei am Institut für bildende Kunst an der Hochschule (später: Universität) für angewandte Kunst in Wien – zwei Jahre als Gastprofessorin, dann als Ordinaria.
Im Zentrum ihrer plastischen Arbeiten, hauptsächlich figurale Bronzeplastiken, steht die Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur. Um Begrenzungen aufzulösen und der Ideologie vom unversehrten Körper entgegenzuwirken, arbeitet Gerda Fassel hauptsächlich mit der Fragmentierung des (weiblichen) Körpers. Es sind Torsi, scheinbar Unfertiges, eine ständige Annäherung an Ideale. Dem diagnostizierten „Ende der Kunst“ begegnet sie mit einer Ästhetik des Beharrens, mit einem widerständigen Festhalten an der Skulptur oder der Plastik als ein Monument prädigitaler Gesellschaft.Die Kunsthistorikerin Hilde Zaloscer beschrieb das Werk Fassels so: „In einer Umbruchzeit, einer Zeit der Umwertungen, in der alles Überlieferte hinterfragt wird und neue Wege gesucht werden, kommt dem Werk von Gerda Fassel ein paradigmatischer Wert zu. Ich kenne kaum ein Œuvre, vor allem keines der Plastik, in dem die Dialektik von Neu und Alt, von Ja und Nein so konsequent und oft bis zur Zerreißprobe durchgeführt wird wie bei der Bildhauerin Gerda Fassel“.
Gerda Fassels Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen, so etwa 1979 im Civic Center Museum in Philadelphia, 1981 bei der Biennale Internationale del Bronzetto in Padua, 1991 im Museum für moderne Kunst in Bozen und 1999 im Im öffentlichen Raum stammen etwa die Skulptur „Katharina von Österreich“ auf der Marco-Polo-Promenade (1983) und die Portraitbüste von Ernesto „Che“ Guevara (2008) im Donaupark von Gerda Fassel.
Sie starb im Mai 2025 in Wien
PREISE UND AUSSTELLUNGEN
PREISE UND AUSSZEICHNUNGEN
2011 – Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (Goldenen Rathausmann)
2001 – Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst
1983 – Wiener Festwochen-Preis für Plastik
1982 – Preis der Stadt Wien
1981 – Theodor Körner-Preis Arbeitsstipendium der Stadt Wien und Förderungsbeitrag des Wiener Kunstfonds
EINZEL- UND GRUPPENAUSSTELLUNGEN in der kleinen galerie:
25. Jänner 2017 bis 15. Februar 2017
Hommage an Viktor Matejka: Bilder | Zeichnungen | Druckgrafiken | Skulpturen
15. Juni bis 08. Juli 2016
Moderne Druckgrafik aus Österreich
07. Oktober bis 15. Oktober 2015
Für Gerda Fassel: Skulpturen | Zeichnungen | Bilder
11. Juni bis 10. Juli 2014
Arbeiten auf Papier
12. Juni bis 13. Juli 2012
Hommage an Dieter Schrage
19. Oktober bis 17. November 2011
Ein Leben für die Kunst: Skulptur | Zeichnung | Druckgrafik
10. September bis 24. November 2008
Gerda Fassel
MEHR
Text zu den Arbeiten von Gerda Fassel
von Ulrich Gansert (Juni 2011)
Mit ihrer bildhauerischen Arbeit hat Gerda Fassel eine unübersehbar wichtige und widerständige Position in der österreichischen Plastik definiert und ihre Torsi, „Weibstrümmer“ und „dicken Frauen“ sind ein Beitrag von auffallender Originalität im Spektrum der Gegenwartskunst.
Konsequent arbeitet sie mit großen humanem Engagement gegen jene diktatorischen Körperbilder in der Mode und in den Medien und ebenso gegen den Zeitgeist in der Kunstszene. Die Kleine Galerie freut sich ganz besonders, nach Ausstellungen von Günter Grass, Adolf Frohner und Herwig Zens nun zum 70. Geburtstag von Gerda Fassel ihre Arbeiten in einer informativen Übersicht zeigen zu können. Es werden Bronceskulpturen und Zeichnungen, aber auch zum ersten Mal Radierungen von ihr gezeigt werden.
Kennzeichen ihrer Arbeit ist die entschiedene Konzentration auf das Wesentliche und seine konsequente Erforschung, Verfolgung und Vertiefung. Und das Thema dieser Arbeit ist ausschließlich der Körper der Frau. Doch dieser Körper kann real und als Kunstwerk von vielfältigsten Ausprägungen und Vorstellungen von menschlicher Existenz geformt sein. Bei Gerda Fassel ist er gegen alle Widerstände und Zerstörungen geprägt von Lebensenergie und humaner Selbstbehauptung. Und diese Prägung ist erzielt durch eine imponierend künstlerische Arbeit an der Form. Ihre ganz aus dem Instinkt für die subtilen und zugleich zwingenden Beziehungen zwischen Volumen, Gewicht und Oberflächen gestalteten Skulpturen sind unmissverständliche Ikonen einer persönlichen Haltung, die das problematische der Existenz nicht ignoriert, ihr aber insistierend etwas entgegensetzt. Ihre Körper sind wie unter einer inneren Spannung zwischen Volumen mit innerem Potential, wie einem immer weiter fortschreiten wollenden Wachstum und der organischen und zugleich individuellen hier und jetzt so sein müssenden Bestimmung geformt.
Heute scheint der Begriff Form im öffentlichen Bewusstsein verdrängt durch den Diskurs der Schrift, der Zeichen und der Konstruktion zu sein.
Umso mehr provoziert seine Rätselhaftigkeit. Der Mensch, wir selbst, sind plastische Körper mit Form, Volumen und Gewicht und mit einer Oberfläche, wo sich Körper und Nichtkörper berühren und jeder lebende Körper ist eine unteilbare Einheit. Die Philosophin Judith Butler hat in ihren Gender Studies „Körper von Gewicht“ gerade zu diesem Thema sehr genaue Untersuchungen angestellt und auf der Bedeutung des Körpers beharrt.
Haben etwa ganz besonders die lebenden „Dinge“, wie Früchte, Samen, Körper, Köpfe, Brüste, Hüften eine Form und Gewicht, wovon Judith Butler spricht? Existiert die Materie, oder ist sie nur eine Projektion von Energiepotentialen. Existiert der Körper mit seiner Verletzlichkeit, oder ist er nur das Resultat einer Fixierung des Diskurses? In den Kurven und Schwingungen der Figuren von Gerda Fassel tritt uns ein anderes, eigensinniges Bild vom Leben entgegen. Aus den Wölbungen von Stirnen und Hinterköpfen, Augäpfeln, Wangen und Nasen sind ihre Köpfe gestaltet, es geht nicht um Kopien realer Körper, jeder Naturalismus ist weit entfernt. Ihre Plastiken sind wie symbolhaft verdichtete Energiekonzentrationen. Auch in kleineren Stücken wird eine wie monumentale Ausdruckskraft gestaltet. Mit großem Instinkt sind die künstlerischen Mittel eingesetzt, die Tendenz zur Verblockung, der Torso, eben die, wienerisch gesagt „Trümmer“, verbunden damit das „Nonfinito“, in den Skulpturen stehen polierte Wölbungen der Volumina rauen scheinbar unbearbeiteten Partien kontrastvoll entgegen. In manchen Köpfen entsteht so der Ausdruck einer Mächtigkeit wie von fernen archaischen Königinnen oder ein Gesicht erhält, vielleicht unabsichtlich, einen Anklang an exotisch- mediterrane Kulturen und die Prägung der Menschen und Gesichter dort. Zugleich aber vermitteln ihre Figuren aber doch auch die Ahnung von zukünftigen gelingend optimistischen Entwicklungen und Möglichkeiten des Menschen.
Ein oberflächlicher Blick auf die aktuelle Kunstszene scheint das Verschwinden der Figur als Plastik aus der Öffentlichkeit gegenüber der Übermacht einer durch finanzielle Spekulationen angetriebenen Malerei auf der einen Seite oder dem Experiment mit den Mitteln Raum, Diskurs, Zitat und Medien auf der anderen Seite zu belegen. Doch ein kurzes Besinnen auf Namen wie Wotruba, Hanak, Avramidis oder Hrdlicka zeigt eine andere Wirklichkeit und gerade in diesem Kontext wird die Qualität, Eigensinnigkeit und Konsequenz der Position von Gerda Fassel deutlich.
Mit Arbeiten aus den letzten 30 Jahren wird die Ausstellung in der Kleinen Galerie einen informativen Überblick zum Werk von Gerda Fassel geben.





















