Faek Rasul

Erinnerungsspuren

4. – 25. Mai 2022, kleine galerie

Schon als Kind war der 1955 in der kurdisch-irakischen Stadt Kirkuk geborene Faek Rasul von der Schönheit der Muster und Symbole fasziniert – und ritzte in Hauswände seine Zeichen und Zeichnungen. Nach dem politischen Engagement in jungen Jahren gegen die irakischen Machthaber unter Saddam Hussein und einer mehrmonatigen Gefangenschaft, wegen seiner Mitgliedschaft im kurdischen Widerstand, beschließt er, sich künftig ausschließlich der Kunst zu widmen. So führt sein Weg nach dem Gefängnis an die Kunstakademie nach Bagdad, wo er durch einen seiner Professoren die Arbeiten Tapiés kennenlernt und damit die neuen Kunsttheorien der Erschließung des Raums in der Malerei. 1980 schließt er das Kunststudium in Bagdad mit dem Diplom ab.
(Verena Kienast, 2018)

Faek Rasul verbindet in seinen Bildern die historischen Quellen der orientalischen Kunst mit der Ästhetik des Alltags im Verlauf der Zeit bis in die Gegenwart. Botschaften und Bilder, seit Jahrhunderten und bis heute in unterschiedlichsten Formen an Fels- und Hauswände gezeichnet und geritzt, haben ihn in seiner Malerei ebenso inspiriert, wie die Sufimeister mit ihren mystischen Symbolen.

Seine Bilder wirken wie Bruchstücke dieser Mauern, reliefartig und dabei die Geschichten über den Verlauf der Zeit erzählend. Denn mit den eingesetzten Materialien und dem Arbeitsprozess empfindet Faek Rasul den Schaffens- und Verfallsprozess nach: Mit einer Mischung aus Sand und Bindemittel und gefärbt mit meist hellen Farben legt er Schichten an, kratzt hinein, deckt wieder ab und wiederholt diesen Ablauf mehrmals.


Verena Kienast, 2018

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„Meine Bilder waren immer meine Schmerzen“ F.R.

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Die Malerei ist dann ein elementares Feld der Kommunikation über das Schwierige und vielleicht Unsagbare, über Identität, Zukunft, Utopien und die entscheidende Frage: Wer sind wir selbst? Diese ewig aktuelle Frage „Wer Spricht?“1 (wer malt?) behandelt der französische Philosoph Michel Foucault2 in seinem zentralen Text „Was ist ein Autor“ und er untersucht darin den Stellenwert der Idee des Individuums, des individuell schaffenden Künstlers in der Moderne und damit auch das Spannungsfeld zwischen Mensch und Gesellschaft. Wie kein anderer hat er in seiner Analyse die reglementierende und normierende Macht der Kommunikation in das Zentrum seiner Arbeit gestellt und die gesellschaftlichen Zwangsmittel in seiner Arbeit „Überwachen und Strafen“ analysiert. Die Bandbreite geschriebener und gesprochener Botschaften, Direktiven, Maßregelungen reicht von der schärfsten, gewalttätigsten Anweisung  bis zu geflüsterten, stammelnden Mitteilungen und Hilferufen und darüber hinaus zur poetischen Reflexion der menschlichen Existenz schon in den ältesten überlieferten Erzählungen. So sind viele der frühesten überlieferten Schriftdokumente des Zweistromlandes herrschaftliche Steuerlisten, doch  im Gilgameschepos muss Enkidu erst selbst durch eine Kurtisane mit dem Kulturgetränk Wein gebildet werden, bevor er von den Göttern dazu ausersehen wird, den grausamen König Gilgamesch zu zivilisieren.

Diese Verarbeitung und Sublimierung der eigenen Geschichte steht auch im Hintergrund der Arbeit von Faek Rasul. Doch nicht nur der Schrecken und die Qual, sondern auch die Schönheit und magische Weite von Kultur und Landschaft des Zweistromlandes, ihre andere Dimension von Vergangenheit und Zeit und die Jahrhunderte lange Schulung der Lebensweisheit der Philosophen des Sufismus, ihre Übung der Konzentration und Lebensklugheit prägen sein künstlerisches Projekts.

Prof. Ulrich Gansert, Künstler und Kunsthistoriker, 2015
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1. Samuel Beckett: „Erzählungen und Texte um Nichts“, 1947 – 1952
2. Michel Foucault: „Was ist ein Autor?“ In Schriften zur Literatur. Frankfurt 1988

Spuren

Erinnerungen

Talismane

Spuren, Erinnerungen oder Talismane nennt Faek Rasul seine Bilder, aus einem zugleich konzentrierten und sensiblen Umgang mit seinen Materialien, auf Leinwänden, mit Sand, Farbe und vieldeutigen Zeichen schafft er minimalistisch reduzierte Bilder, wie Beschwörungen, Annäherungen an die unreduzierbare unkalkulierbare Offenheit und Unabschätzbarkeit des menschlichen Lebens und der Zukunft.

Diese Bilder sind abstrakt und zugleich voller realer menschlicher Erfahrungen. Auf hellen, dunkel umrandeten Flächen schweben zarteste Zeichen, voller geheimnisvoller Bedeutungen, wie der Blick aus großer Höhe auf vegetationslose Ebenen in Vorderasien, von der Sonne gedörrt oder Landkarten von diesen, mit Eintragungen, Einritzungen oder wie Geheimzeichen auf Höhlenwänden, auf einfachen Hausmauern aus Lehm, dem zusammengebackenen Staub der Geschichte oder wie die Zeichensprache vergangener Generationen und Kulturen, eingeweihter und zugleich ausgegrenzter Bevölkerungsgruppen, Verfolgte, die sich untereinander mit verschlüsselten Zeichen verständigen und damit ihre Botschaften weitergeben.

Den Kontrast zu den wie gekritzelten zarten Strichen bilden dunkle Balken, wie drohend oder magnetisch Fläche und Raum in Spannung versetzend, die Bildflächen haben im hellen grau-beige ihrer Farbe den Charakter materieller Flächen, aber zugleich auch die stumme Tiefe einer unabsehbaren Räumlichkeit. Es ist der Eindruck von Maßstablosigkeit im Raum und in der Zeit, der den Bildern ihre provozierende Irritation gibt.

Prof. Ulrich Gansert, Künstler und Kunsthistoriker, 2015

"Nichts Wirkliches kann bedroht werden." Unwirkliches existiert." (aus: Ein Kurs in Wundern)

Das Lebendige lässt sich nicht vernichten, denn es gibt etwas Unzerstörbares in uns – und es gibt etwas, das kulturelle oder mentale Grenzen auflöst und uns zu Weltenbürgern macht. Es gibt etwas, das eingefrorene Erinnerungen lockert, sie zurück ins Leben bringt und sie dort verblassen lässt, in jenen Grund, welcher Vertrauen, Sicherheit und Liebe heißt.

Und es gibt etwas, das uns hinausführt über unsere persönliche Geschichte, nämlich den Weg der Kunst und der schöpferischen Tätigkeit, welche uns zu verbinden vermag mit der Quelle unseres Seins, und daher mit dem, wer wir ohne unsere Geschichte sind.

Dr. Waltraud Schwarzhappel, Kunsthistorikerin, Wien, Oktober 2014

Wer spricht? (Wer malt?)

Aus „Was ist ein Autor?“, M. Foucault